Sichtbeton – spröde Schönheit

Sichtbeton

Immer wieder erlebe ich ungläubige Blicke beim Thema „Schönheit von Sichtbeton“. Reaktionen wie „und wann streicht ihr eure Wände“ oder „ich möchte doch nicht täglich auf eine graue Betonwand starren“ sind da keine Seltenheit. Daher möchte ich die Gelegenheit nutzen, Euch das Material etwas näher zu bringen.
Zwei Dinge sind es vor allem, die mich an Beton faszinieren: Das ist zum einen die Direktheit, das Unmittelbare des Materials – Beton ist ganz konkret erlebbar (das englische Wort für Beton ist nicht umsonst concrete), der Schaffensprozess ist spürbar, der Schalprozess ablesbar. Aus letzterem erklären sich übrigens auch die ganz unterschiedlichen Qualitäten von Sichtbeton: Es gibt sägerauhe Schalungen, die aus einzelnen ungehobelten Brettern zusammengesetzt werden und damit eine sehr rauhe und ursprüngliche Oberfläche bewirken. Schalelemente aus glatten (Holz-)platten bringen eine deutlich reduziertere Optik mit sich – wie ebenmäßig und sauber die sichtbare Betonfläche ist hängt dabei von weiteren Faktoren ab (Schalhaut, Trennmittel, Zuschlagstoffe etc.). Strukturiert werden die Flächen hierbei durch Fugenstöße sowie durch die Ankerlöcher der Schalelemente (ausführliche und interessante Infos zu Herstellungsweisen etc. findest Du hier. Viele Lesenswertes zum Baustoff an sich gibt es zudem auf dem kavia-blog ). Viele Architekten versuchen eine möglichst makellose Oberfläche und sehr präzise Anordnung von Ankerlöchern und Stößen zu erreichen – ich mag gerade das Zufällige, das Unperfekte, das Rauhe am Beton: schön zu sehen auf den Fotos, die in unserer letzten Wohnung entstanden sind.

Sichtbetonwand

Diese eher sperrige Schönheit wird getragen vom Kontrast – und damit bin ich beim zweiten Punkt, der für mich die Faszination ausmacht: der lebendige Dialog, den der Beton mit seiner Umgebung eingeht. Durch das Nebeneinander von kaltem, grauen Beton und warmen, lebendigen Materialen (Holz, Pflanzen, Farbiges) oder auch ganz reduzierten eher abstrakten Materialien (eine weiße Hochglanzlackierung zum Beispiel) entsteht ein ungeheuer reizvolles Zusammenspiel, die einzelnen Elemente werden in ihrer Wirkung gesteigert. Dieses Zusammenspiel wollte ich auch in unserm Schlafzimmer erreichen: Sichtbeton, Eicheparkett und hochglanzlackiertes Bett – so war der Plan. Eines schönen Tages komme ich auf die Baustelle… da hatte der Maler doch glatt die Wand gestrichen – Sichbeton adé. Nach ein wenig Trauer über die verpasste Chance, sind dann die 5 Bilder vom Anfang des Artikels entstanden, die ab sofort, die Wand über dem Bett – als Reminiszenz an den übermalten Beton- schmückten.

Sichtbeton Materialmix
beton_4

Meine Liebe zum Beton wurde übrigens ganz maßgeblich geprägt durch die Auseinandersetzung mit den Werken von Tadao Ando. Er versteht es meisterhaft mit dem Material umzugehen und seine Bauten strahlen vielfach etwas geradezu poetisches aus. Das ist dann aber Thema für einen eigenen Blog-Artikel, der sicher irgendwann folgen wird. Ein interessantes Interview mit Tadao Ando findet Ihr vorab schon einmal hier.

Kommentare sind deaktiviert.