Samstagskaffee 35 – Weltflucht?

Irgendwann in den vergangenen Tagen bin ich auf Zeit-online über diesen lesenswerten Artikel gestolpert und ein wenig ins Nachdenken gekommen: über die Welt des Schönen, die ich hier auf meinem Blog schaffe, über die Lust an der Beschäftigung mit ganz Alltäglichem, über das Ausblenden der vielen Fragen, die uns (nicht nur jetzt) um die Ohren fliegen.

Espresso Samstagskaffee

>> Die Welt ist mir zu viel – Und ich selbst bin mir genug. Warum viele Menschen sich heute vor allem für Stressabbau und Handarbeit interessieren – statt für die drängenden Fragen der Gegenwart <<

Zeitmagazin Nr.1/2015

Ist das, was ich hier mache, Weltflucht? Möchte ich damit die Augen verschließen vor all dem was gerade passiert und was uns alle dringend angeht – diese Woche seinen Höhepunkt findend in den schrecklichen Terroranschlägen in Paris und auf der anderen Seite in der unsäglichen Pegida-Bewegung, die so erschreckend viel Zulauf findet?

Ein ganz klares NEIN! Ich bin ein ganz und gar politischer Mensch, der die Auseinandersetzung immer wieder sucht, der nachdenkt, sich engagiert und den die Fragen der Gegenwart umtreiben. Und dennoch finde ich es für mich wichtig, mich hier auf meinem Blog genauso wie im Alltag auch mit Schönem, mit Leichtem, oftmals vielleicht Harmlosem zu beschäftigen. Es ist ein Stück weit Erdung, Kraft tanken und auch Motivation, sich der Welt mit ihren Problemen zu stellen!

Vielleicht habt Ihr ja Lust und Zeit den Artikel zu lesen und hier auch ein bisschen zu erzählen – warum lest Ihr Blogs, die sich, statt mit drängenden Fragen, mit DIY, Wohnen oder Kochen beschäftigen. Warum berichtet Ihr selbst auf Euern Blogs über solche Themen. Was ist Eure Motivation, was treibt Euch an?

Habt ein schönes Wochenende und mehr Kaffee gibts wie immer bei Ninja.

33 Kommentare

  1. Liebe Mecki,
    jetzt hast Du mich tatsächlich zum Grübeln gebracht. Ja, natürlich schreibe ich auf meinem Blog nur über Schönes, über Selbstgemachtes und über eher Triviales. Und das mit voller Absicht. Um die große, weite Welt mal ein wenig auszublenden, die mich ja tagtäglich im Beruf und in den Medien bereits beschäftigt. Über die kleinen, banalen, alltäglichen Dinge zu schreiben ist eine wunderbare Art, das eigene Leben im Kleinen ein wenig schöner und lebenswerter zu machen. Das schließt aber ja politisches und soziales Engagement nicht aus.
    Lieben Dank für den Denkanstoß und einen schönen Tag wünsche ich Dir! Tanja

    • Liebe Tanja,
      genau die gleiche Gedanken wie Du habe ich mir dazu auch ungefähr gemacht. Und gerade Dein Blog zaubert einem ja immer wieder ein Lächeln auf die Lippen mit all dem Schönen, das Du Dir ausdenkst und kann so dazu beitragen, sich wieder der Welt „da draußen“ mit all ihren Schwierigkeiten gestärkt zu stellen.
      LG, Mecki

  2. Ich habe gerade keine Zeit, den Artikel zu lesen, aber bei dem Zitat, das du gibst sage ich: „Blödsinn!“ Ich betreibe mit Sicherheit viel Weltflucht. Ich träume, ich schaue Filme, ich lese. Und ich bin ein Mensch, der sich trotzdem sehr sehr viele Gedanken um die Welt macht. Der regelmäßig Nachrichten liest, der sich mit dem Weltgeschehen beschäftigt. Und mir ist es auch wichtig, Denkanstöße zu geben. Gegen Fremdenhass. Für den Umweltschutz. Das sind wichtige Themen für mich. Und die tauchen neben Belanglosigkeiten auch immer wieder auf meiner Seite auf. Der Tag hat 24 Stunden. Und wenn ich ein paar davon vergeude, habe ich immer noch genug Zeit, um mich mit wichtigen Themen zu beschäftigen. Sogar beim Vergeuden. Und ich weiß, dass viele Leute in meinem Umfeld so sind. Dieses ganze „die heutige junge Generation macht sich keine Gedanken“-Gefasel kotzt mich an (entschuldige meine Wortwahl). (Vor allem, wenn man dann von der Generation der 13-35-Jährigen spricht. Als ob ich viel mit einer 13-Jährigen gemein hätte!)

    • Ja, Dein Blog ist ja nun auch einer, der sich nicht nur mit Schönem und so beschäftigt, sondern Du bietest immer auch wieder was zum Nachdenken, zum kritisch Hinterfragen und auch deshalb schaue ich immer wieder gerne bei Dir vorbei. Das mit dem Einordnen Deiner Generation kann ich schwer Beurteilen, ich glaube, es ist immer einfacher, ein Gespür für die eigene Generation zu entwickeln und von Einzelpersonen, die ich kenne, auf eine ganze Generation zu schließen ist schwierig – aber 13 bis 35 ist echt irgendwie Quatsch, die Einteilung.
      LG, Mecki

  3. Ich habe sogar Politik studiert – und brauche dafür umso mehr die Momente der „Weltflucht“. Sonst werden wir doch irgendwann alle verrückt!
    Viele Grüße,
    Christina

    • Das glaube ich gerne, dass die Momente der „Weltflucht“ noch wichtiger werden, wenn man sich im Studium oder Beruf auch noch mit den Fragen auseinandersetzt. Irgendwoher muss die Energie dafür ja auch immer wieder aufgetankt werden!
      LG, Mecki

  4. Geht mir wie dir. Aber sogar, wenn ich eigentlich nicht die Tages-Zeitung lese, nicht die News im Internet studiere, kein Radio höre und schon gar keine Nachrichten im Fernsehen schaue, weder politisch twittere, noch die lesenswerten Artikel, die mir Facebook auftischt, lese, kriege ich noch immer viel mehr Informationen in einem Monat als meine Grossmutter in ihrem ganzen Leben. Denn ich bin aufmerksame Zuhörerin, werde ich in Diskussionen verwickelt und und und.

    Weltflucht ist gar nicht möglich, deshalb nehme ich mein Strickzeugs in die Hand, schaue ich mir schöne Bilder an auf Blogs, immer mit dem Wissen im Hintergrund, dass es grosse Probleme zu lösen gibt, dass Ungerechtigkeit herrscht und viele Menschen extrem leiden.

    Wir können die Probleme nicht lösen und niemandem helfen, wenn wir uns dauernd damit konfrontieren, daurend daran denken. Wir brauchen Pause, Feierabend und Wochenende. Ich nenne das nicht Weltflucht, obwohl ich daran denke (manchmal mehr, manchmal weniger), in „die Wälder zu ziehen“, wenn ich es dann nicht mehr aushalte.

    Ich weiss, dass es Menschen gibt, denen es am Nötigsten fehlt, aber ich darf mir einen Blumenstrauss kaufen, weil er mir Freude macht. Freude ist das Brot für die Seele. Dieser müssen wir Sorge tragen. Also umgib dich beruhigt mit Schönem, berichte darüber, empfinde Freude und gebe sie weiter. Sie ist das Brot für alle, die dich lesen und für dich.

    Vergessen wir darüber nicht die, denen es schlecht geht. Wir sollten ein offenes Herz haben für sie, eine gebende Hand. Reden mit ihnen und über sie reden. Schliessen wir Freundschaften (real und über Blogs) auf der ganzen Welt. Dadurch machen wir die Welt ein bisschen besser.

    Liebe Grüsse von Regula

  5. Als ich den Artikel am Donnerstag las, wurde mir im ersten Moment ganz anders. Mir wurde bewusst, dass viele Menschen um mich herum, vor allem in der Bloglandschaft 1 zu 1 genau diese Weltflucht praktizieren und auf meine Art mache ich es auch. Wenn man beruflich und im Studium allerdings alles auf Politik und Gesellschaft auslegt, sich engagiert und die meiste Zeit alle Geschehnisse in sich auf saugt, dann muss irgendwo das Ventil des Schönen sein, oder?
    Leider saugen manche zu viel des Schönen auf und vergessen die Welt da draußen, das Elend, den Krieg und sie vergessen, dass sie etwas geben können, um das Leid in vielen Teilen zu vermindern.
    Hab es schön..

    • Ich finde es ganz schwierig, zu beurteilen, ob, zum Beispiel Blogger, wirklich diese Weltflucht betreiben und nicht mehr sehen wollen, was „da draußen“ los ist. Um so mehr freue ich mich, dass hier ja heute ganz viele antworten, die zeigen: Ja ich interessiere mich für unsere Welt mit all ihren Problemen und dennoch sind die schönen Momente wichtig…
      Und dass das bei Studium oder Beruf in dem Umfeld um so wichtiger wird, ist ganz sicher so!
      LG, Mecki

      • Ich finde, man sollte nicht nach dem Inhalt eines Blogs auf die „Grundhaltung“ eines Bloggers rückschließen. Ich zum Beispiel thematisiere Politisches nicht im Blog, weil es schlichtweg nix damit und den Themen dort zu tun hat und dort damit auch nichts zu suchen hat (Ich wiederum fände es auch befremdlich, wenn ich in einem Wohnblog dann auch noch die gleichen Schlagzeilen, wie bei den einschlägigen Zeitungen lesen würde).
        Das bedeutet aber nicht, dass ich mich nicht mit den anderen Themen der Welt beschäftige. Das muss ich aber nicht öffentlich, also im Blog, kommunizieren.
        Ich gebe aber auch zu, dass es ab und an sehr gut tut mal ein Wochenende lang Weltflucht zu betreiben…das empfinde ich dann als äußerst entspannend und heilsam.

        • Nee, das wollte ich damit auch sicher nicht sagen – viel mehr hab ich mir einfach ganz persönlich die Frage gestellt, wie die Welt des Schönen (und oftmals sehr Harmlosen) auf meinem Blog mit dem was um mich rum passiert zusammenpasst und dann war ich neugierig, wie das bei Euch allen so ist, was Ihr dazu denkt.
          LG, Mecki

        • Deswegen sollen Blogs ja auch die individuellen Inseln sein und ich selbst flüchte ja auch. Gleichzeitig glaube ich, dass jeder gesellschaftliche oder politische Post weniger Likes (wie einfach das immer geht mit dem Button) bekommt, als jene die uns nicht an die böse Realität erinnern. ;)

  6. Dieser Artikel scheint zu bewegen – auch ich habe in den letzten Tagen im Privaten und mit Kollegen darüber viel diskutiert.
    Ich finde den Artikel sehr lesenswert und es schadet nie, sich immer wieder selbst kritisch zu hinterfragen. Ich denke aber, ähnlich wie die Kommentatorinnen vor mir, dass sich das eine und das andere nicht ausschließen muss, dass eine Art „Schonraum“ auch sinnvoll und wichtig ist, um sich dann wieder mit neuer Energie den „großen“ Themen zu widmen. Meine Persönlichkeit lässt diese Multidimensionalität jedenfalls zu ;)

  7. Liebe Mecki,
    ich kann mich der Meinung der anderen nur anschließen (und möchte nicht wiederholen), aber nur weil wir uns auf unseren Blogs dem Schönen, der „heilen“ Welt widmen, heißt das nicht, dass wir uns dem anderen verschließen. Das eine schließt das andere nicht aus, im Gegenteil, man schöpft Kraft für die eigentliche Welt, die schlechten Nachrichten, die schweren Dinge des Lebens…
    Trotzdem, hab ein schönes Wochenende, liebe Grüße,
    Kebo

  8. ich stecke gerade mitten drin in dem artikel – vielen dank fürs hier teilen – und komme immer wieder zu dem punkt: für mich ist das kein gegensatz. das weltgeschehen/politik oder kriege und unsere blogs, in denen wir uns mit dem schönen, einem hobby oder unserem alltag beschäftigen. in zeiten, in den der job und das leben immer neue techniken und skills sich immer schneller erneuern müssen und der output meiner arbeit eher virtuell daherkommt, kommt mir eine gewisse entschleunigung durchaus entgegen und ein hobby, bei dem ich sehe, wie etwas greifbares entsteht. und auch: nur weil wir nicht darüber bloggen, heißt es ja nicht, dass es in unserem leben nicht stattfindet.

    allerdings denke ich, dass man sich bei allem entschleunigen und auch mal besinnen, nicht einkapseln sollte. also wach bleiben, hartnäckig und aufmerksam und unbequem der welt und der gesellschaft gegenüber und für überzeugungen eben auch einstehen und auf die strasse gehen, wenn es sein soll.

    • Ich habe auch das Gefühl, dass all die Dinge, wo man sieht wie etwas Reales entsteht (Stricken, Kochen, was auch immer) mich ein Stück weite erden und damit helfen, all das was täglich auf einen einströmt zu verarbeiten. Un Du hast natürlich recht: Nur weil man nicht darüber bloggt, kann es trotzdem im eigenen Leben stattfinden, der Blog ist ohnehin nur ein ganz kleiner Ausschnitt meines Lebens, von dem ich entschieden habe, andere daran teilhaben zu lassen.
      LG, Mecki

  9. Liebe Mecki,

    ich habe lange Zeit (fast 3 Jahre) die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit einer sozialen Einrichtung geleitet. Diese Einrichtung widmet sich krebskranken Menschen und deren Angehörigen. Irgendwann konnte ich es nicht mehr, weil mich die Schicksale einfach zu sehr mitgenommen haben.

    Dann habe ich mich zu dem Masterstudium entschieden, eine Zeit lang erst mal so gut es geht nur schöne Dinge zu machen und mich mit schönen Dingen zu befassen. Klar, das geht nicht immer, die Balance ist das Zauberwort finde ich! Man muss sich mit schönen Dingen befassen und darf sich natürlich der „echten harten Welt“ nicht verschliessen sonst wird man realitätsfremd!

    Gerade in diesen Tagen beschäftig mich das sehr. Die Anschläge in Frankreich berühren mich nicht wirklich und ich frage mich an was das liegen mag?! Bin ich zu sehr abgehärtet? Oder verschließe ich mich wirklich vor diesen Dingen? Ich glaube manchmal sollte man einfach nicht zu viel grübeln… Hab einen schönen Sonntag, trotz oder gerade wegen aller Katastrophen in der Welt?! Liebste Grüße, Kathrin*

    • Liebe Kathrin,
      wenn man so dicht dran und persönlich mit den Schicksalen von Menschen konfrontiert wird, ist das sicher nochmal ganz anders und sehr schwierig!
      Und dieses Gefühl, dass mich etwas wirklich Schlimmes in den Medien sehe/lese und es mich in dem Moment gar nicht mehr wirklich berührt kenne ich auch hin und wieder – vielleicht ist es eine notwendige Abschottung, weil man so viel einfach nicht ertragen kann? Wichtig finde ich halt dennoch, sich den Sinn und die Offenheit dafür zu bewahren, was in unserer Welt passiert und was wir vielleicht (?) selbst tun können.
      LG, Mecki

  10. Auf meinem Blog berichte ich über schöne, sperrige und auch über hässliche Dinge, die mich beschäftigen. Weil die Welt eben nicht nur aus Heiteitei oder Terror besteht, sondern aus allen diesen Dingen. Ich finde es falsch, sich aus der Lebenswirklichkeit zurückzuziehen, sie zu ignorieren und Ohren und Augen vor dem zu verschließen, was auf der Welt und auch direkt um uns herum passiert. Warum? Weil sich so nichts zum Besseren wendet, wenn alle das tun und weil sich auch nichts zum Besseren wendet, wenn jeder sagt, die anderen mögen sich bitteschön drum kümmern, ich flechte derweil mal einen Haarkranz aus Gänseblümchen und tanze barfuß über einen morgentaunasse Wiese. Was nicht heißt, dass daran etwas Schlechtes wäre, wenn man es nicht ausschließlich tut, sondern im Wissen, was auf dem Spiel steht undwas es zu verteidigen oder wiederzuerlangen gilt.
    Unser Leben wird immer mehr beschleunigt, es erscheint uns oft gehetzt, überwacht, zerrissen und fragil, die Realität ist oftmals brutal und sie ängstigt, vor allem weil man sich alleine so hilflos fühlt. Aber daran wird sich auch nichts ändern, wenn alle sich auf Heim, Herd und Meditations-CD zurückziehen.
    Und ja, ich finde es auch zynisch, weltweite Gewalt, Terroropfer und Probleme, die uns alle angehen zu ignorieren und sich ausschließlich in einer heilen Bastel- oder Gräser-im-Gegenlicht-Welt mit reduzierter Farbsättigung zu ergehen.
    Gerade die letzten Tage habe ich sehr genau registriert, wer sich wo zum Weltgeschehen wie äußert und wer darüber hinweggeht. Das sei jedem selbst überlassen, aber ich merke, es beeinflusst meine Wertschätzung.
    Dem Grundtenor des Artikels stimme ich deshalb absolut zu.
    Nur Wegschauen führt nicht zu einer Lösung, sondern zu einer Beschleunigung der Problematik, vor der man zu fliehen versucht. Nur Hinschauen macht Verzweiflung, Angst und Ohnmachtsgefühle. Hinschauen und vor diesem Hintergrund, mit und trotz dieses Wissens leben und dementsprechend handeln, das ist für mich die Lösung.

    Herzlich, Katja

    • Viele wahre Worte, die Du da schreibst. Und ich mag Deinen Blog eben auch gerade, weil Du oft Schwieriges und Sperriges ansprichst (übrigens schade, dass ich dort nicht mehr kommentieren kann, seit dem das nur noch mit Profil möglich ist…). Dennoch finde ich es eben auch ok, wenn man sich auf dem Blog nur dem Schönen (was auch immer) widmet solange die anderen Dinge dann eben im „normalen“ Leben ihren Raum finden – ob das immer so ist oder ob eben tatsächlich die Welt mit ihren Problemen nicht mehr stattfindet, ist oft schwer zu beurteilen, um so mehr freue ich mich, das hier so viele mit diskutieren.
      LG, Mecki

    • Man sollte aber nicht darüber hinwegsehen, dass eben nicht nur eine Katastrophe über die Welt hereinbrach, auch wenn die wenigen Kritischen sich Charlie Hebdo gekrallt haben. Ob ganze Städte am selben Tag von ebenso perversen Islamisten getötet wurden, interessiert dann halt nicht. Ist ja auch Afrika und nicht Paris, Europa, nebenan. Beispielsweise habe ich bei Instagram keine „Je suis Charlie“ Bilder gekostet, vielleicht auch gut. Ein Bild, ein Like..alles geht sehr schnell und hat doch keine wirkliche Aussagekraft. Da sind kritische, selbstgewählte Worte immer die elegantere Variante.

  11. Was für eine lebendige Diskussion! Finde ich super! Ich hatte den Artikel neulich schon gelesen. Vor einigen Jahren im Studium, als ich begann, mich wirklich politisch zu engagieren und nicht mehr im reinen Lesen von Zeitungen und ab und zu mal einem Gang auf eine Demo begnügte, war ich damit ein sehr exotischer Vogel auf weiter, desinteressierter Flur. Um mich herum beobachtete ich damals unter meinen Kommilitonen aber weniger ein Interesse für Handarbeit, als vielmehr das Interesse an der eigenen Karriere. Es ging vielen nur darum, möglichst schnelle einen möglichst fett bezahlten Job mit ordentlich Prestige zu bekommen und wenn jemand sozial engagiert war, dann irgendwie halbherzig beim Asta, weil sich das gut im Lebenslauf machte. Die Generation kritisch denkender, wacher und mitgestaltender junger Menschen, von der mir mein Papa erzählt hat, wenn er von früher sprach – ich habe sie nie gefunden. Auch in den letzten Jahren, in denen ich politische Jugendorganisationen leitete und selbst ein politisches Amt bekleidet habe, wurde mir immer mehr bewusst, dass da kein wirklicher Nachwuchs kommen wird. Die Gesellschaft wird von einigen wenigen geprägt und gestaltet und der Rest läuft einfach mit, ist ja alles bequem, ist ja alles gut organisiert. Mein Fazit der ganzen Sache: Uns geht es zu gut. Egal, ob sich junge Menschen hauptsächlich um ihre Karriere kümmern oder um vegane Kochrezepte für ihren Blog – Tatsache ist, dass sie Zeit dafür haben, weil sie eben nicht gezwungen sind, sich mit den irdischen Problemen dieser Welt auseinander zu setzen. Sie sehen einfach die Notwendigkeit nicht und mein Eindruck ist nicht, dass sie sich überfordert fühlen von dem politischen Weltgeschehen und sich erschrocken in eine Art Biedermeier zurückziehen – ich glaube, sie blenden es aus, weil sie das Gefühl haben, dass es sie überhaupt nicht berührt. Was junge Menschen heutzutage bewegt, das sind alles relativ egoistisch motivierte Themen. MEIN Job, MEINE Altersvorsorge, MEINE Ernährung, MEINE Einrichtung, MEIN neues Paar Trend-Turnschuhe. Für mich ist mein Blog, wie viele es hier beschrieben haben, wirklich ein Ventil, ein apolitisches, wenn man so will. Ein geschützter Raum für das Schöne, Triviale, Hedonistische. Aber eben in vollem Bewusstsein, dass das Luxus ist. Und als Ausgleich für meine Auseinandersetzung mit der weltpolitischen Realität, nicht als deren Substitution. Liebe Grüße, Eve

    • Puuuh, Deine Worte lesen sich in weiten Teilen ganz schön desillusionierend. Ist es wirklich typisch für „die junge Generation“ so egoistisch zu denken und zu handeln? Ich schätze, ich kann mich selbst nicht mehr zu den Jungen zählen und in meinem direkten Umfeld erlebe ich schon viele Menschen, die nachdenken, die etwas bewirken wollen (die sind meist aber so in meinem Alter). Dennoch erlebe ich im weiteren Umfeld auch erschreckend viele Menschen, die wenig nachzudenken scheinen und deren Lebensmaxime sich am nächsten großen SUV vor der Tür auszurichten scheint – das schien mir aber nie eine Generationenfrage, sondern zieht sich irgendwie durch alle Altersklassen. Ich denke so oft, wenn jeder nur ein bisschen bewusster leben und handeln würde, könnten soviele Probleme soviel leichter gelöst werden – schwieriges Themal!
      Dein Blog als „apolitisches Ventil“ mag ich auf jeden Fall sehr.
      LG, Mecki

  12. Hm ja, etwas desillusioniert bin ich wohl tatsächlich. Es war einfach so schade, keine politischen MitstreiterInnen in meinem Alter zu finden. Damit wollte ich selbstredend nicht sagen, dass nicht auch jenseits der 30 viele Menschen mehr nach Konsum streben, als danach, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Alle 4 Jahre zur Bundestagswahl zu gehen ist für Viele schon das Höchste der Gefühle und das zieht sich natürlich durch alle Altersklassen. Aber ist es nicht auch schöne Aufgabe der Jugend, neu und quer zu denken? Sind nicht gerade auch die frischen Köpfe etwas, was wir neben den schon erfahreneren Gesellschafts-MitgestalterInnen brauchen? Ich denke schon und da sehe ich in meinem „ganz normalen“ Umfeld doch recht wenig Engagement. Diese Themen scheinen vielen doch zu schwer zu sein. Liebe Grüße! Eve

    • Da geb ich Dir absolut recht: Gerade die jungen, frischen Köpfe brauchen wir ganz sicher, um Politik und Gesellschaft zu gestalten – wobei ein wirkliches Engagement in (oft zeitaufwendigen) politischen Gremien u.ä. halt grade oft auch in dem Alter so zwischen 20 und 35 schwer unterzubringen ist, weil da halt soviel anderes auch ansteht (Studium, Berufseinstieg, vielleicht auch Familiengründung, Umzüge in neue Städte) – um so mehr Hochachtung vor jedem, der sich in der Lebensspanne zusätzlich engagiert! Aber zumindest nachdenken, mit dieskutieren usw. kann man ganz sicher in jeder Phase des Lebens!
      LG, Mecki

  13. Hallo liebe Mecki,
    über exakt das Gleiche habe ich in den vergangenen Tagen auch nachgedacht. Ich habe mich gefragt, ob es nicht absurd ist, Einrichtungs-DIY zu posten oder was auch immer, während gerade so furchtbare Dinge passieren. Ich glaube aber nicht, dass es sich ausschließt und durchaus beides möglich und erlaubt ist. Ich finde deinen Text und die Auseinandersetzung damit sehr gelungen und treffend.
    Lotte

    • Liebe Lotte,
      als ich den Artikel schrieb, hatte ich ganz schön Zweifel, ob das hier richtig aufgehoben ist usw. Um so mehr freue ich mich, über die lebhafte Diskussion hier und dass ich nicht die einzige bin, die darüber nachdenkt!. Deinen Blog kannte ich übrigens noch nicht, gefällt mir, werde jetzt sicher öfter mal vorbeischauen.
      LG, Mecki

      • Ja er ist definitiv g aufgehoben und es freut mich sehr zwischen einigen, wie sagt man es am besten?, arg konsumorientierten, alles haben-wollenden, unreflektierten Bloggerlingen, solche Gedanken finde. Schön, dass ich deinen Blog gefunden habe!