Samstagskaffee 14 – eine Frage des Stils

Heute gibt’s zum Samstagskaffee mehr Text als üblich. Ich hoffe Ihr habt ein wenig Zeit und Lust zu lesen und zu schreiben, denn  Eure Meinung interessiert mich und ich freue mich auf eine spannende Diskussion.

Viele meiner Leser bloggen selbst über Einrichtung, über Wohnen, Architektur, Möbel usw. – und die, die nicht selbst schreiben, sind an den gleichen Themen interessiert, sonst würden sie sicher nicht immer wieder gerne hier vorbei schauen, lesen und kommentieren. Ein Wort, dem ich auf Blogs immer wieder begegne ist „Stil“ – da kommt mir das schöne Zitat von Schopenhauer, das ich schon lange mag, gerade recht, um einmal darüber nachzudenken, was es mit diesem „Stil“ überhaupt auf sich hat, wie er in Vergangenheit und Gegenwart genutzt wird und was der Begriff für mich bedeutet.

 

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Stil – der Begriff

Natürlich gibt es Stil in ganz unterschiedlichen Bereichen – Musik, Literatur, Kleidung etc. ich beschränke mich heute aber auf die Verwendung in Architektur und Design, darum geht es hier bei mir ja schließlich :-). In früheren Zeiten war das mit dem Stil noch ganz einfach: wenn wir zum Beispiel vom gotischen Stil sprechen, sind wir uns alle einig was gemeint ist, bestimmte Bauformen (aufstrebende, schlanke Säulen, schmale spitzzulaufende Fenster etc.). Mit einer bestimmten Art zu bauen und zu gestalten, hat man in einer bestimmten Zeit Dinge ausgedrückt, die zu dieser Zeit Konsens waren: so drücken gotische Kirchen mit ihrem Stil ein Aufstreben hin zu Gott, eine Hinwendung zum Himmlischen aus, mit dem sich die ganze Epoche identifizieren konnte. Stil ist hier also nicht Ausdruck von Persönlichkeit sondern viel mehr Ausdruck allgemein gültiger Überzeugungen.

Und heute? Ist das mit dem Stil sicher ein wenig komplizierter. Allgemein gültige Überzeugungen gibt es nicht mehr, einen Konsens darüber, was „schön“ ist schon erst recht nicht – dafür aber unendlich viele Anregungen und Möglichkeiten – man nehme nur die ganze Bloggerszene mit all ihren tollen Bildern und Ideen zum Thema Wohnen.

Persönlicher Stil?

Oft lese ich so oder ähnlich „Mein Lieblingsstil ist der XY-Stil“ (derzeit ist das meist bevorzugt der „skandinavische-Stil“). Das impliziert, dass Stil etwas ist, was man woanders findet, was andere vormachen, wo vielleicht woanders schon ein Konsens (siehe oben) entstanden ist. Für mich persönlich ist Stil eher etwas ganz individuelles, etwas was entsteht, wenn ich mich intensiv mit einem Raum, mit meinen ganz persönlichen Anforderungen daran, meinen Bedürfnissen, mit Material und dessen Verarbeitung etc. auseinandersetze. Eben im Sinne Schopenhauers, das Produkt einer gedanklichen Durchdringung. Mit meinem Zuhause schaffe ich einerseits einen Ort, an dem ich mich zuhause (genau!)  fühle, den ich mag, an den ich immer wieder gerne zurückkomme. Ich teile damit aber auch der Welt etwas über mich, über meine Art, die Dinge zu sehen und über sie nachzudenken mit.

Was meint Ihr? Was bedeutet für Euch Wohnen, Einrichtung, Möbel, Zuhause? Hilft Euch die Bloggerwelt, Euren ganz eigenen Stil zu finden oder führt sie eher zu einer Art Einheitsstil (es gibt Dinge, die sieht man quasi in JEDEM Wohnblog- der (wirklich hübsche) Plastic Armchair von Eames ist so ein Beispiel )? Ist Stil für Euch etwas ganz individuelles oder eher etwas allgemein gültiges („der XY-Stil“)Was inspiriert Euch, wo findet Ihr Anregungen?

Ich freu mich auf Eure Gedanken! Und zur Stärkung gibt es noch einen kleine Kaffee :-). Ihr möchtet mehr Kaffee? Dann auf zu Ninja!

Espresso

14 Kommentare

  1. Ach ja, ein schwieriges Thema. Denn der Begriff wird in zweierelei Hinsicht gberaucht.
    „Ein gewisser Einrichtungs-, Kleidungsstil“ und „ob jemand Stil hat“.
    Wenn jemand behauptet „XY habe keinen Stil“, dann muss man sich fragen. Geht das? Was soll das bedeuten. Nur weil XY vielleicht einen ganz anderen (eventuell „billigen“) Geschmack hat, bedeutet das ja nicht unbdeignt, dass jemand stillos ist. Oder doch?
    Für mich hat jemand keinen Stil, wenn die persönliche Note fehlt. Wir haben beispielsweise Bekannte, die haben ein neues tolle Haus, auch die Einrichtunge, alles neu gekauft. Es sieht wunderschön aus, durchaus geschmackvoll, aber im ganze Haus findet sich kein Hinweis auf seine Bewohner. Teilweise wurden ihnen die Dinge vom Architekten empfohlen (sogar die Deko!) Es könnten genauso gut Ausstellungsräume eines Möbelhauses sein. DAS ist für mich absolut ohne Stil.
    Ich finde in der Bloggerwelt herrscht schon oftmals ein Einheitsstil. Und manchmal fällt es mir auch schwer mich dem zu entziehen. Wobei ich mich auch manches Mal an „Bloggerweltdingen“ übersehe. Da finde ich beispielsweise eine Vase ganz toll, Aber nach dem 10. Blog, wo ich diese Vase sehe, ist der Zauber dahin.
    So, nun habe ich aber mehr als genug geschrieben.
    Schön sieht dein Dill neben dem Kaffee aus.
    Ich wünsche dir ein tolles Wochenende
    Jutta

    • Ein bißchen stillos ist es natürlich auch, wenn man 100 Rechtschreibfehler in seinem Kommentar hat ;-))
      Ich war wohl ein bißchen zu hastig.

      • Du beschreibst so schön vieles was mir durch den Kopf geht und was mich dann auch zum Schreiben des Artikels bewogen hat, kann Deine Worte absolut nachvollziehen.
        Danke Dir und liebe Grüße,
        Mecki

        PS: In Sachen Rechtschreibung bin ich jedenfalls noch viel schlimmer, Du glaubst nicht, wie oft ich einen Artikel veröffentliche und dann sozusagen live das Korrigieren anfange ;-)

  2. Hallo Mecki. Ich hab’s einfach gerne gemütlich. Ich möchte mich wohlfühlen, was mir besser gelingt, wenn die „Dinge“ ein bisschen eingelebt sind und Geschichte haben. In unserem Schlafzimmer steht zum Beispiel ein Schrank, der einfach zu gross war, um ihn umzustellen. Das Brocki wollte ihn nicht haben, weil er zuwenig gefragt ist. Jetzt benützt ihn mein Mann als Kleiderschrank. Ich finde, er passt super. Mein Lieblingssessel stammt aus dem Haus, das wir vorher bewohnten. Auch ein paar andere Möbel stammen noch aus diesem Haus. Wir konnten uns damals keine neuen leisten, und jetzt möchte ich sie nicht mehr weggeben. Da ich ein sehr pragmatischer Mensch bin, gibt es auch mal Notlösungen, die dann einfach bleiben. Mein Haus lebt, wird den Bedürfnissen angepasst. Nächstens bauen wir den Dachstock aus. Es soll einen tollen Balkon geben. Wir lassen von einem ortsansässigen Zimmermann bauen, der die Sache genauestens und seriösestens plant. Da schon nur der Grundausbau teuer wird (sehr teuer), stellen wir die Möbel auf, die wir schon haben. Ein Designer und Stilberater würde dann ganz bestimmt sagen, dass das keinen Stil hat. Doch, sage ich, meinen Stil. Schönes Wochenende. Regula

    • Hallo Regula,
      ich finde, das ist es ja irgendwie genau was letztendlich Stil ausmacht, dass Du Dir Deine eigenen Gedanken machst, Deine ganz eigenen Prioritäten setzt etc. und eben nicht die Deko im Möbelhaus kaufen uns so (Jutta hat das oben ganz wunderbar beschrieben).
      Und ein Stilberater ist irgendwie ein Widerspruch in sich oder? (Anders der Designer, der ganz und gar wichtige Sachen macht)
      LG, Mecki

  3. man muß vielleicht ein wenig zwischen stil (den man hat oder nicht hat, aber sicher auch erlernen kann) und/oder einer bestimmten stilrichtung unterscheiden. ob das nun ein möbelstück ist, was derzeit auf allen blogs gezeigt wird, oder eine stilrichtung, hängt doch auch davon ab, wie man das ganze dann ganz eigen interpretiert. und das ist eben individuell. so stört mich auch der hundertste eames side chair eigentlich gar nicht, wenn er eben mit dem ganz eigenen wohnen kombiniert wird. ich finde dann wird/wirkt es auch niemals langweilig.
    liebe grüße zu dir, sabine

    • Ja, das stimmt , der Begriff wird schon in zweierlei Hinsicht verwendet (ich hab’s vorher gar nicht so differenziert). Mich wird auch der hundertste eames chair nicht stören, ganz einfach weil ich ihn schön finde – dennoch bin ich immer ein wenig auf Widerspruch gebürstet, wenn ich überall das Gleiche sehe (und der eames chair war nur ein sehr beliebiges Beispiel und wie Du sagst können die Zusammenhänge ja auch unendlich unterschiedlich sein (sind sie aber auch nicht immer zwingend, oder?)
      LG, Mecki

  4. Ich finde das mit dem „eigenen Stil“ äußerst schwierig. Natürlich versuche ich mich so einzurichten, wie es mir am besten gefällt und sodass ich mich darin wohlfühle. Aber das fängt ja schon damit an, dass ich mich irgendwo inspirieren lasse, irgendetwas sehe, das mir gefällt und mich dann in eine ähnliche Richtung wende. Und dann kann ich mich ja auch nur damit einrichten, was für mich erhältlich ist. Meine ganz individuelle Traumwohnung sähe mit Sicherheit anders aus als jetzt (obwohl ich soweit auch zufrieden bin): der begrenzte Raum, das Geld, auch die nicht unendlichen Möglichkeiten, entsprechendes Mobiliar zu bekommen und schlussendlich der Alltag mit seinem Kram schränkt mich da schon ordentlich ein. Und nicht zu vergessen, dass ich nicht alleine wohne, damit prallen sowieso zwei ganz unterschiedliche „persönliche Stile“ aufeinander. So ist für mich „mein Stil“ zum Schluss nur noch das kleine Überbleibsel des Möglichen.

    • Ja auch ich lasse mich inspirieren (und manchmal sogar einfach von einem Trend mitreißen…). Und das mit Traumwohnung und den diversen Beschränkungen stimmt natürlich auch, aber der Umgang damit ist ja auch irgendwie spannend und macht vielleicht auch einen Teil des Stils aus? Zumindest fand ich es auch in meiner 30 qm Studi-Wohnung spannend, was draus zu machen. Und grade das mit jemand anders zusammenwohnen ist in der Hinsicht natürlich auch manchmal ein bisschen verzwickt – ich hab da ziemlich Glück und wir haben so eine oftmals gemeinsame Linie gefunden (wobei, wenn ich an die monströsen schwarzen Lautsprecherboxen denke…;-)
      LG, Mecki

  5. Ein tolles Thema. Beim “skandinavischen Stil” musste ich schmunzeln. Für eine Hälfte der “Bloggerwelt” ist das wohl die Palette einiger (hauptsächlich) in Dänemark ansässigen Firmen, die Wohnassecoires und Kleinmöbel produzieren, gepaart mit hellen Wänden und “geraden Linien” und Eames mit Schaffell; für die anderen ist es eine Szene aus Astrid Lindgren, die man als Blaupause für den eigenen Wohntraum nimmt, und ruckzuck ein Schwedenhäuschen in die deutsche Landschaft stellt, komplett mit “Landhausmöbeln” und Blümchentassen und Karokissen (z.B. hier: http://bullerbynhus.blogspot.de/2013/07/aller-blogger-anfang-ist-schwer-und-das.html)

    Das soll überhaupt nicht herblassend klingen – ganz im Gegenteil, mich fasziniert es, wie im eigenen Wohnstil (und sogar Baustil) immer Träume und Sehnsüchte von anderswo mitschwingen. Das war ja bei den gotischen Kirchen nicht anders, die sollten ja auch eine Nähe zu Gott symbolisieren. (Und hier in Australien wurde im 19. Jahrundert gern „gothic“ nachgebaut; die University of Sydney zum Beispiel, ist in diesem historisierenden Stil entstanden, und sollte eben den Eindruck einer forgesetzten Tradition vermitteln.)

    Shabby-chic erkläre ich mir als nostalgisches aus-der-Zeit-fallen-wollen, dieses Bedürfnis, dem schnellen Leben mit Rüsschen, Spitze und Sepiabraun zu kontern. Den (mittlerweile wohl durch die “Skandianvier”) abgelöste mediterrane Landhausstil drückte vielleicht auch so ein bisschen den Wunsch danach aus, die Sommerferienstimmung mit Terrakottafliesen und Wischtechnik im Wohnzimmer einzufangen und festzuhalten; und jetzt mögen wir’s vielleicht eher “industrial” und träumen uns in ein Loft in einer alten Fabrik, aber eben “ehrlich” und “authentisch”, mit sichtbaren Drähten, Abnutzungen, Glühbirnen. Auf keinen Fall Lampenschirme oder Rüsschen. Dafür aber Buchstaben an der Wand oder wenigstens auf dem Kaffeebecher.

    Unser Stil ist wohl “bohemian eclectic”, um den Fachbegriff zu benutzen ;) . Wir haben eine rote Wand im Wohnzimmer, bunt zusammengewürfelte Möbel in warmen Holztönen, Bilder an der Wand, ganz viele Bücher, und eben Spuren unserer Reisen – ein kleines Aquarell aus Damaskus, ein Teppich aus der Türkei, Bilder aus Deutschland und von hier, ein tolles Foto einer Schweizer Berghütte im Schneesturm, das mein Mann gemacht hat, als wir dort durch den Schnee stapften. Es ist ein Haus, das viel darüber sagt, wer wir sind (unordentlich! humorvoll — über unserm Bett habe ich das Wort Traumtänzer buchstabiert), aber eben auch ein bisschen, wie wir sein wollen — reisende, lesende, gastfreundliche Wesen…

    • Du schreibst so viele wahre Worte, schön! Da bleibt ja kaum was hinzuzufügen …;-). Die Formulierung mit den Buchstaben auf dem Kaffeebecher hat mich nun wiederum zum Schmunzeln gebracht.
      Und wie Du Eure Art zu wohnen bechreibst – sehr sehr schön. Ich stelle mir einen schweizer Schneesturm im heißen Australien ganz grandios vor!
      LG ans andere Ende der Welt,
      Mecki

      • Naja, momentan ist hier Winter, allerdings ohne Weihnachten (denn wenn der Weihnachtsschmuck in die Kaufhausregale einzieht, weiss man, der Sommer ist nicht weit. Crazy stuff).

        Der Schneesturm hat damals die Schweizer dazu bewogen, uns doch von der Gipfelbestürmung (im Kabelwagen) abzuraten. Gäbe eh nix zu sehen. Und tatsählich waren die Gipfelfernsehbildschirme am Boden alle zugeschneit und vernebelt. Aber für uns war das die Aufforderung, jetzt erst recht. Und seither steht der Name des Berges bei uns für unsere Art von Abenteuer. Einfach machen. Wird schon.

        Achso, unsere zwei Katzen gehören auch fest zum eigenen Stil. Die zwei Stilikonen machen das Haus doch erst richtig gemütlich…

        LG ans andere Ende der Welt, Christina

  6. und ich dachte, Winter in Australien wäre mal mindestens so warm wie Sommer in D (wobei die letzten Tage hier schon ganz schön was zu bieten hatten in Sachen Wärme…)
    Schöne Geschichte mit dem Gipfel,
    LG, Mecki

  7. Schön geschrieben! Ich unterscheide zwischen Stilrichtungen und meinem eigenen Stil. Durch Blogs lasse ich mich inspirieren (auch manchmal mehr als mir lieb ist), aber bei uns zu Hause herrscht unser Stil. Stilmix und Persönlichkeit.
    Liebe Grüße, Sonja