Alain de Botton – Glück und Architektur

Blogs, die sich mit Möbeln, Einrichtung, Architektur und Design auseinandersetzen gibt es ja wie Sand am Meer. Als Leser und erst recht als Schreiber solcher Blogs beschäftigen wir uns tagtäglich mit der Gestaltung unserer Lebensräume. Für mich selbst kommt da immer mal wieder die Frage auf, welche Relevanz diese Themen eigentlich wirklich haben – ist das alles nur Chichi, Ausdruck einer übersättigten und gelangweilten Wohlstandgesellschaft, die nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten sucht? Oder steckt hinter der Gestaltung von gebauter Umwelt und Wohnraum und der Auseinandersetzung damit doch mehr, gar Tiefergehendes?

Ein Buch, das sich mit dieser Frage auf spannende und unterhaltsame Weise auseinandersetzt möchte ich Euch heute vorstellen:

Glück und Architektur – Von der Kunst, daheim zu Hause zu sein. Autor ist der in England lebende Schweizer Philosoph Alain de Botton. Vielversprechend, dass ein Autor aus einem ganz anderen Blickwinkel zu diesem Thema schreibt.

Alain de Botton Glück und Architektur

Inhalt

Direkt im ersten Kapitel mit Namen „die Bedeutung der Architektur“ geht de Botton in die Vollen – wenn gleich oftmals fast im unterhaltsamen Plauderton geschrieben, wirft er Fragen auf, die eine ganze Menge Nachdenkpotential mitbringen.

„Der Glaube an die Bedeutung der Architektur setzt nicht nur die Annahme voraus, dass wir – ob wir wollen oder nicht – an einem anderen Ort ein anderer Mensch sind, sondern auch die Überzeugung, dass es Aufgabe der Architektur ist, uns vor Augen zu halten, wer wir im Idealfall wären.“

Solche und ähnliche Sätze formulieren einen hohen Anspruch an die Architektur, dessen Erfüllung durch selbige aber auch immer wieder in Frage gestellt wird.

„In welchem Stil sollen wir bauen?“ ist das zweite Kapitel überschrieben und bietet einen abwechslungsreichen und eloquent geschriebenen Spaziergang durch die Baugeschichte. In Ansätzen wird klar, warum wir uns heute so schwer tun bei der Definition von Schönheit – ein Problem, das andere Jahrhunderte so nicht kannten. Auch philosophisches, nachdenkenswertes findet sich wieder – Gebäude, gestaltete Dinge reden darüber wie wir leben möchten. Die Frage, die die Kapitelüberschrift stellt, wird nicht wirklich beantwortet – überhaupt ist es, denke ich, eher die Stärke des Buches, Fragen zu stellen, denn Antworten zu geben.

Kapitel drei „sprechende Gebäude“ lädt ein, einen neuen anderen Blick auf Gebäude und Umwelt zu werfen und weckt Assoziationen, auf die man (oder ich) von selbst oft nicht gekommen wäre, die aber in ihrer Bildhaftigkeit oftmals überraschend einleuchtend sind. Wie das ganze Buch ist auch dieses Kapitel reich bebildert mit schönen und anschaulichen Beispielen aus Kunst, Möbeldesign und Architektur.

Das vierte Kapitel mit der schönen Überschrift „Ideale des Daheimseins“ möchte ich Euch mit einem Zitat daraus vorstellen:

„Der Hang zur Architektur scheint im Kern vielmehr mit dem Wunsch nach Kommunikation und Angedenken verknüpft zu sein, dem Wunsch, sich der Welt durch ein anderes Medium als das der Worte zu erklären, durch die Sprache der Dinge, Farben und Ziegelsteine: das Bestreben, anderen Menschen zu zeigen, wer wir sind – und uns im Zuge dessen selbst daran zu erinnern.“

Im folgenden fünften Kapitel „Die Tugenden von Gebäuden“ zeigt de Botton treffende Beispiele aus unterschiedlichen Epochen und behandelt mit Sachverstand und einer Prise Humor Themen wie Ordnung, Balance, Eleganz und Koheränz.

Alain de Botton Glück und Architektur

Fazit

Für mich hat das Buch vielerlei Anregungen zum Nachdenken gegeben. Die Auseinandersetzung mit der Frage, warum ich (und viele andere Gestalter, Blogger usw.) mich immer wieder so intensiv mit der Gestaltung von Raum beschäftige und was Architektur für uns bedeutet wird hier auf gut lesbare und unterhaltsame – und dennoch nicht oberflächliche – Weise aus einem ganz anderen Blickwinkel beleuchtet. Welchen Einfluss nimmt die Architektur auf unser Leben? Was macht die Qualität von Räumen aus?  In welchem Kontext gestalten wir Umwelt? All diese Fragen werden zwar nicht abschließend beantwortet, aber aus erfrischenden Perspektiven beleuchtet und bieten so Anregung, selbst über das eigene Tun und die eigenen Räume nachzudenken. In meinen Augen eine empfehlenswerte Lektüre für alle die sich für die Gestaltung unserer gebauten Welt interessieren.

Und nun komme ich nochmal zu meiner Ausgangsfrage zurück: Was denkt Ihr, was treibt Euch an? Welche Bedeutung hat Architektur, die Gestaltung eines Zuhauses für Euch?

8 Kommentare

  1. Danke für die tolle Buchvorstellung. Schreibe ich mir gleich auf meine Buchwunschliste.
    Schwierige Frage was uns antreibt, ich denke bei mir ist mein Zuhause wie ein Schutzraum in dem ich mich wohlfühlen kann ich mag klare Linien ohne viel Schischi und am liebsten fast leere Räume (was leider nicht geht weil Stauraum braucht man ja) aber so kann ich denken wenn der Raum zu voll ist hemmt mich das in meinem Denkprozess und ich denke unsere Gesellschaft ist so übersättigt dass es mir gut tut wenn ich nach Hause komme und nicht zuviel Deko-Schnick-Schnack herumsteht.
    Liebe Grüße
    Armida

  2. Oh ja, das ist eine interessante Frage. Für mich bedeutet mein Zuhause zunächst zweierlei: sich ein Zuhause an einem ganz anderen Ort zu schaffen – ich bin vor acht Jahren nach Australien gezogen, ohne meine Möbel, nur mit Kleidung und Büchern – und das gemeinsam: mit meinem Partner (und jetzt: Ehemann).

    Das war gar nicht so einfach. Ich glaube, für uns beide ist ein Zuhause Ausdruck von Persönlichkeit, von persönlicher Geschichte, Humor, Lebenseinstellung, Träumen. Ich musste sehr liebgewonnene Möbel zurücklassen und hatte aber das Riesenglück, dass mein Mann Zusammenziehen wirklich so versteht: wir ziehen zusammen (und nicht: Du ziehst bei mir ein). Wir haben also gemeinsam einige neue Möbel gekauft, Wandfarben ausgesucht und so weiter. Inzwischen haben wir auch ein bisschen australische Kunst erworben, die uns beiden sehr, sehr gut gefällt und die wir überrall hin mitnehmen können – vor allem, wenn’s uns doch nochmal nach Europa verschlägt, was mein Mann doch sehr hofft.

    Anfang dieses Jahres hatten wir die traurige Aufgabe, den Hausrat meiner verstorbenen Schwiegermutter aufzulösen. Das stellt die Frage nach der Bedeutung von Raum nochmal ganz anders: was bleibt, wenn man das Haus eines geliebten Menschen „abbaut“? Wieviel kann/soll man in das eigene Leben mitnehmen, was bleibt zurück und wie kann man sich trotzdem an diese Person erinnern?

    Liebe Grüsse!

  3. Danke für Deine nachdenklichen Worte – gefällt mir.
    LG, Mecki

  4. Die gebaute Umwelt ist sehr bedeutend für uns Menschen, jeder nimmt sie auf ganz eigene Weise wahr. Architekten haben schon ein hohes Maß an Verantwortung, auch was die Gestaltung angeht, ist ihnen das bewusst? Die Ausformung der Außenansichten der Gebäude ist genauso wichtig, wie das Bilden von Innenräumen. Das Budget darf bei der Gestaltung keine Rolle spielen. Rückblickend auf die Architekturgeschichte gibt es einige Gebäude die sich einem erst erschließen, wenn man die Geschichte dahinter kennt. Wann etwas schön ist und was für schön finden hat sicherlich auch etwas mit unsere ästhetischen Bildung zu tun. Der Wohnboom, der Wunsch nach sich ständig veränderbaren Wohnräumen ist immens. Das Möbel als Massenprodukt. Flyer von Möbelherstellern flattern ins Haus – soll man sich daran orientieren? Bieten solche Werbeprospekte Orientierungshilfe bei der Geschmacksbildung?

    Liebe Mecki,
    Deine Fragen und Deine Buchvorstellung gefallen mir und werfen, wie Du lesen kannst, auch bei mir Fragen auf. Man könnte eine Diskussionsrunde eröffnen.
    Ich wohne, wie mein gebauter Wohnraum es mir vorgibt:
    Ich habe mich bewusst für ein Stadtleben entschieden, nicht ganz so weit von der Innenstadt entfern, mit einer guten Verkehrsanbindung. In M ist Wohnraum teuer. Hier hat sicherlich der Preis entschieden und mein Traumhaus ist ein ganz anderes geworden, als erträumt. Mein Wohnraum hat sich sozusagen ergeben, ein Haus, welches für die Arbeiter der 1950er Jahre gebaut wurde. Zum Glück wurde es noch nicht kaputt saniert, wie so viele andere in der unmittelbaren Nachbarschaft (wie unverantwortlich). Leben auf kleinen Raum, Raumreserven ausschöpfen, aus wenig viel machen. Ich mag die Reduzierung und ich brauche die Ordnung (auch die optische Ordnung) – deshalb lebe ich genau so – wie passend, für ein kleines Haus!

    Liebe Grüße, Cora

    • Liebe Cora,
      uuui, viele gute Gedanken zu einem spannenden Thema! Ich merke schon, das Thema sprengt hier fast den Rahmen es zu diskutieren. Über einen Deiner Sätze bin ich sehr gestolpert (bei vielen anderen bin ich ganz ähnlicher Meinung): „Das Budget darf bei der Gestaltung keine Rolle spielen“ – ist es nicht genau die Kunst, auch bei geringem Budget zu einer guten Gestaltung zu kommen? Und ist es nicht oft sinnvoller, sich zum Beispiel was die Masse (an Quadratmeter etc.) betrifft zu beschränken, um sich bei dem weniger an masse dann ein mehr an Qualität leisten zu können? Wobei Du genau letzteres ja eigentlich mit Deinem 50-er Jahre Arbeiterhäusschen (die ja oft eine intelligente Grundrissplanung und eine angenehme Schlichtheit haben, schön!) auch selbst beschreibst.
      Ein wenig in Eile, daher nicht ganz so lang, LG, Mecki

  5. Ja, grade ist bei mir der Groschen gefallen, wie der Satz zu verstehen ist :-)
    LG, Mecki